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VertiWelt

Einleitung Es ist nicht leicht, in einer Welt zu leben, die aus einer einzigen, gigantischen vertikalen Felswand besteht. Andererseits kennt man es nicht anders, wenn man auf ihr das Licht der besagten Welt erblickt, und selbiges auch für die Eltern, Großeltern etc. gilt. Vielleicht könnte man sogar glücklich werden, wenn man nicht wüsste oder glaubte, dass das Leben einmal auf fruchtbarem, horizontalen Erdboden stattgefunden hat und wesentlich einfacher, schöner und sicherer war, und dass es in Zukunft vielleicht wieder einmal so sein könnte. Doch ihre Berechnungen zeigten, dass sie Glück im Unglück hatten: Während die ersten Generationen seit Beginn der vertikalen Welt noch vorrangig damit beschäftigt waren, beständig höher zu klimmen um stets einen genügenden Sicherheitsabstand über dem ständig dicker werdenden Teppich des tödlichen Gases sicherzustellen, nahm die Dicke des Teppichs von Generation zu Generation weniger zu und schien sich mit der Zeit langsam einem bestimmten Niveau anzunähern. In einem „Gewaltakt“ hatten die letzten Generationen also besonders viel Zeit und Energie in das Gewinnen von Höhe investiert, so dass sie nun einige Kilometer über dem errechneten Niveau angelangt waren und nun zum ersten Mal glaubten, die Möglichkeit zur Sesshaftigkeit zu haben. Das war ein gewaltiger Unterschied. Beim früheren, dauernden Anstieg wurde stets Wohnfläche abgerissen und weiter oben neu aufgebaut. Es kostete also Unmengen von Arbeit, einen gleich bleibenden Zustand - also eine bestimmte Mindesthöhe über dem Gasteppich - zu erhalten. Nun, da sie endlich ihre „Zielhöhe“ erreicht hatten, konnten sie sich voll und ganz auf den sorgfältigen Ausbau von Flächen, Treppen, Leitern und den Anbau von Pflanzen sowie die Zucht von Tieren widmen. Das Wissen, dass das Gebaute nicht bald wieder abgerissen und evakuiert werden müsste erlaubte eine ganz andere Qualität des Bauens und eine entsprechend bessere Motivation. Beobachtungspunkt Die Siedlung wuchs in alle Richtungen. Vor allem natürlich nach oben, den so schnell ließ sich die Gewohnheit „unten schlecht, oben gut“ nicht abschütteln -- und nicht alle trauten den errechneten Extrapolationen, nach denen das Gasteppich-Niveau nicht über bestimmte Höhe ansteigen würde. Mit der Zeit entstanden durch die Expansion auch verschiedene Probleme, die es vorher nicht gab. So konnte man sich nicht einmal mehr schreiend zwischen den am weitesten entfernten Punkten der Siedlung verständigen. Der Gesamtüberblick fehlte: War die Konstruktion statisch stabil? Gab es Punkte an denen unverhältnismäßig viel Gewicht hing? Welche Bereiche im Umfeld machten die Expansion durch ihre Oberflächenbeschaffenheit besonders einfach? Gab es außerhalb der Siedlung Regionen mit besonders großem Pflanzenvorkommen, das sich für einen Abbau lohnte? War vielleicht ein Ende der kostbaren Erzader abzusehen, oder änderte sie ihre Richtung? In einer flachen Welt würde man für diese Aufgabe einen Aussichtsturm bauen. In der vertikalen Welt tat man dasselbe, der Turm musste aber natürlich horizontal sein. Es musste also im rechten Winkel aus der Wand heraus möglichst weit ins Freie ragen. Zur Stabilisierung müsste er genau gleich verstärkt werden, wie auch die typischen Wohnplattformen: Mit einigen stabilisierenden Seilen, an denen der Turm hängen konnte. Zusätzlich stabilisiert könnte die Konstruktion mit Seilen von der Seite und unten werden. Die zerbrechlich aussehende Konstruktion ragte rund 20 Meter aus der Felswand heraus. Im Wesentlichen bestand sie aus drei langen Stangen, die ihrerseits wieder aus vielen kürzeren, miteinander verbundenen Stangen bestanden. Diese drei Stangen waren über verschiedene Querstreben miteinander fixiert. Die Konstruktion schwankte gefährlich im Wind, doch Mako ließ sich nicht beirren: Kopfüber hing sie am Ende der Konstruktion, ein Seilende im Mund, ein anderes Seil gerade verknotend. Dann spuckte sie das Seilende aus dem Mund, zog es straff und knotete es ebenfalls an die Konstruktion. Sie kletterte geschickt auf die kleine Plattform am Ende der Konstruktion, nahm die vier dort liegenden Seilenden und ging mit ihnen vorsichtig zurück zur Wand. Dort wurden ihr die Enden von einigen Arbeitern abgenommen, straff gespannt und an bereits vorbereiteten Stellen in der Felswand fixiert. Der horizontale Aussichtsturm war nun nach oben, unten und auch seitlich gesichert und sollte auch stärkeren Windböen standhalten können. Als Belohnung, dass sie wieder einmal die gefährlichste Arbeit machen durfte, bekam sie den Feldstecher. Sie hakte beide Schleifen bei sich ein. Auch sie selbst war an zwei verschiedenen Seilen gesichert. Jeder Mensch und jedes Objekt waren hier oben von unschätzbarem Wert. Der Feldstecher war unersetzlich. Nur wenige Waren aus der alten Welt hatten den Weg in die vertikale Welt bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt überdauert. Viele konnten aus Gewichts- und Platzgründen ohnehin nicht mitgenommen werden, und eine Vielzahl hatte sich in den vielen hundert Jahren trotz großer Vorsicht verabschiedet und war nach unten gefallen. Sie ging zurück an auf die Beobachtungsplattform am Ende der Konstruktion und blickte das erste Mal bewusst auf die Wand. Noch nie zuvor hatte jemand all das, was sie in den letzten Jahren erbaut hatten, auf einmal gesehen. Fasziniert ließ sie ihren Blick über die Plattformen und Seile, die Wasserspeicher und die kleinen Grünbereiche wandern. Die meisten Menschen hielten in ihrer Arbeit inne und blickten fasziniert auf die Konstruktion - jeder war scharf darauf, einen Blick von ihrem Ende zu wagen. Sie nahm den Feldstecher vor die Augen und ließ das Blickfeld immer weiter über den von der Abendsonne rot angeleuchteten Fels gleiten, bis weit über den bekannten Bereich hinaus. Begeistert entdeckte sie eine Vielzahl von Stellen, die sie in den nächsten Wochen wohl erschließen würden: Kleine Vorsprünge, die sich besonders gut für Fixierungshaken und Grünbereiche eigneten, einige noch nicht identifizierbare Pflanzenteppiche, und am rechten Rand die Erzader, die sich zu ihrer Beruhigung immer weiter nach oben schlängelte. Sie ging zurück und übergab den Feldstecher wieder. Am nächsten Tag, bei besserem Licht, würde in aller Ruhe eine Skizze erstellt werden, und die Reihenfolge der zu erkundenden Stellen festgelegt werden. Durch ihre abschließenden Arbeiten an der Baustelle war ihr Zeitplan etwas in Verzug geraten. Sie beeilte sich, die Pflanzen in den Grünbereich, die in ihrer Verantwortung lagen, zu gießen und zu überprüfen, und fütterte dann ihre Geckos mit den verwelkten Blättern, die sie den Pflanzen abgenommen hatte. [Kurze Geschichte von X, tragisch, immun gegen Gas?] [Beschreibung Erz, Befestigungen, Tiere, Pflanzen] Seit einigen Jahren wünschte sich Mako schon, die Welt unten - die horizontale Welt - zu erkunden. Aus irgendeinem Grund schien sie eine extreme Resistenz gegen das Gas zu haben. Fast alle Menschen waren vor vielen hundert Jahren bei der ersten Verbreitung des Gases gestorben. Wenige hatten eine begrenzte Resistenz und versuchten auf verschiedene Art und Weise, sich vor dem Gas zu schützen. Einige davon wollte ihr Leben an der Wand selbst führen. Sie wussten genau dass sie zufällige Mutationen der Natur waren und dass ihre Nachkommen aller Voraussicht nach nicht resistent sein würden. Deshalb sahen sie es als ihre Aufgabe, das Leben an der Wand so vorzubereiten, dass ihre Nachkommen ein sich immer weiter an der Wand hocharbeiten würden können - dem dicker werdenden Giftteppich immer eine Nasenlänge voraus. Sorgfältig wählten sie die beste Stelle für den Aufstieg aus, wählten eine Ausrüstung mit dem optimalen Kompromiss aus Gewicht, Platzbedarf und Nutzen. Besonderes Augenmerk legten sie auf die Verbrauchsgüter: Dinge, die sie immer wieder aufs Neue brauchen und verbrauchen würden. Dazu gehörten Nahrung, Wasser, Metall für die Befestigungshaken, Seile und Material für den Wohnflächenbau sowie für Feuer. Für die Nahrung waren verschiedene Tiere und Pflanzen vorgesehen, die auf der Wand existieren konnten. Das Wasser war das kleinste Problem. Bei Regen gab es genug Stellen, wo die Tropfen von der Wand aufgefangen werden konnten. Das größte Problem war das Metall: Nach langem Suchen wurde eine Erzader eines unbekannten Metalls gefunden, einige Meter breit, relativ geringer Schmelzpunkt, scheinbar unendlich hoch in den Himmel reichend. Für das Feuer zum Ausschmelzen des Metalls dienten die Pflanzen. Jeder Brösel Material war von unschätzbarem Wert. Jede Körperausscheidung, jedes Gramm Asche, jedes vertrocknete Blatt, sogar jeder Leichnam wurde als Dünger, Werkzeug oder Baumaterial verwendet. An der Felswand gab es nur sehr wenige Stellen, wo sich geringe Mengen von etwas wie Sand oder Erde gebildet hatten und Pflanzen sprossen. Von Makos Resistenz erfuhr die Siedlung nur zufällig. Gelegentlich schaffte es der Wind, trotz des Sicherheitsabstandes zum Gasteppich, einen Fetzen des Gases zur Siedlung zu wehen. Daraus folgten oft schwere Krankheiten und manchmal auch der Tod. Nur Mako war als einzige nie betroffen. Seit einigen Monaten wurde ihr Plan immer konkreter: Sie wollte nicht beschützt, behütet und verhätschelt werden. Sie wollte ihre Resistenz, das sie als Geschenk sah, ausnutzen. Sie wollte nach unten steigen, die Überreste der flachen Welt erkunden. Sie wollte spüren, wie es sich anfühlte, über flachen, weiten Boden zu laufen, ohne sich Gedanken über den beständigen Abgrund Gedanken zu machen. Sie wollte sehen wie die Menschen früher gelebt hatten. Ob sie früher wirklich anders gelegt hatten. „Ich will nach unten. Zur flachen Welt. Ich weiß nicht warum ich meine Resistenz erhalten habe, aber ich möchte sie nicht verschwenden, sondern ausnutzen.“ „Wie willst du das anstellen?“, fragte er. „Ich habe bei den Alten nachgefragt und etwas gerechnet. Die alte Welt sollte rund 20 km unter uns sein. Ich bin gut und schnell im Abseilen. Die alten Befestigungshaken sollten großteils noch intakt sein. Mit meinem 100m-Seil kann ich mich in einigen Sekunden 50m abseilen. Pausen eingerechnet, schaffe ich die 20km in einigen Stunden.“ „Du bist wahnsinnig. Und wie kommst du wieder herauf?“ „Das dauert länger. Aber in einer Woche sollte ich es schaffen. Wasser bekomme ich von der Wand. Wenn ich unten Essen finde, packe ich mich voll. Dann habe ich eben die ersten Tage etwas mehr Gepäck.“ „Und wenn du unten kein Essen findest?“ „Dann werft ihr mir eben was runter!“ „Und wie wissen wir bitte sehr, ob du was gefunden hast? Meinst du es geht uns schon so gut dass wir Essen ins Ungewisse schmeißen können?“ „Ich kann Dinge mitbringen. Dinge die viel mehr wert sind als ein bisschen Essen.“
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